Das Gleichnis vom verlorenen Sohn ist wohl eines der bekanntesten biblischen Erzählungen und für viele sozusagen die Geschichte, die das gesamte Evangelium am ehesten bündelt und auf den Punkt bringt.
Ich habe es – wie eigentlich immer für diese Impulse – im Neuen Testament in der Sprache unserer Zeit nachgelesen und mich hat die Übersetzung des letzten Verses sehr berührt: Denn er, dein Bruder, war für uns tot, jetzt hat er ein neues Leben begonnen. (Lk 15, 32b)
Mit seiner Heimkehr hat der Sohn und Bruder ein neues Leben begonnen. Schöner kann man die Umkehr – gerade jetzt in der Fastenzeit – kaum um- bzw. beschreiben.
Auf der Suche nach einem passenden Bild habe ich das Schlagwort Neues Leben eingegeben und bin auf diese EKG-Aufzeichnung gestoßen. Neues Leben bedeutet Puls – pulsierendes Leben – und womöglich auch eine höhere Herzfrequenz, die lebendiger macht. Dies gilt sicherlich für den verlorenen Sohn, der nach dem schweren Entschluss aufatmen kann und erleichtert ist über diese unerwartet freudige Aufnahme seines Vaters. Sicherlich wird er glücklich sein, dass für ihn ein Fest bereitet wird und er auf große Freude statt auf Enttäuschung und Ablehnung trifft. Auch der Vater wird spüren, wie das Herz in ihm hüpft und vor Freude kräftiger schlägt. Er ist überwältigt vom Wiedersehen seines Sohnes und tritt ihm barmherzig und voller Liebe entgegen. Nicht zuletzt ist es aber auch der ältere Sohn und Bruder, der einen höheren Puls verspürt – leider nicht aus Freude, sondern aufgrund von Irritation, Wut und Missgunst seinem Bruder gegenüber. Er empfindet es als eine große Ungerechtigkeit, dass er seinem Vater stets treu gedient hat und sein Bruder sein ganzes Erbe verprasst hat und danach mit freudigen Armen wieder aufgenommen wird. Zur Krönung wird sogar das Mastkalb für ihn geschlachtet und er selbst hat von seinem Vater noch nie ein Tier zum Feiern erhalten. Sein Herz ist erbost und die Worte des Vaters müssen wohl noch lange in ihm nachwirken, damit er ansatzweise seinen Frieden mit der Situation schließen kann, um sich über und mit seinem Bruder zu freuen.
Es wird sehr deutlich, dass bei Gott ganz andere Maßstäbe zählen, als wir sie uns vorstellen können.
Aber eins steht fest: Gott ist nur Liebe – bedingungslose Liebe!
Thale Schmitz
Evangelium:
Lk 15, 1–3.11–32: Jesus sucht, was als verloren gilt
1 Viele Zollbeamte und andere Leute, die als Sünder galten, kamen immer wieder zu Jesus, um ihn zu hören.
2 Die Pharisäer und Schriftgelehrten ärgerten sich und schimpften: „Mit welchem Gesindel gibt der sich da ab! Er setzt sich sogar mit ihnen an einen Tisch!“
3 Da erzählte ihnen Jesus folgendes Gleichnis:
11 „Ein Mann hatte zwei Söhne. (…)
12 Eines Tages sagte der jüngere zu ihm: ‚Vater, ich will jetzt schon meinen Anteil am Erbe ausbezahlt haben.‘ Da teilte der Vater seine Lebensgrundlage unter ihnen auf.
13 Nur wenige Tage später packte der jüngere Sohn alles zusammen, verließ seinen Vater und zog weit weg in die Fremde. Dort konnte er sein Leben in vollen Zügen genießen. Er verschleuderte sein Geld, 14 bis er schließlich nichts mehr besaß. In dieser Zeit brach eine große Hungersnot aus. Es ging ihm sehr schlecht.
15 In seiner Verzweiflung bettelte er so lange bei einem Bauern, bis der ihn zum Schweinehüten auf die Felder schickte.
16 Er wäre sogar über das Schweinefutter froh gewesen. Aber selbst davon erhielt er nichts.
17 Da kam er zur Besinnung: ‚Bei meinem Vater hat jeder Arbeiter mehr als genug zu essen und ich sterbe hier vor Hunger.
18 Ich will zu meinem Vater zurückkehren und ihm sagen: Vater, ich bin schuldig geworden an Gott und an dir.
19 Sieh mich nicht länger als deinen Sohn an, ich bin es nicht mehr wert. Aber kann ich nicht als Arbeiter bei dir bleiben?‘
20 Er stand auf und ging zurück zu seinem Vater. Der sah ihn schon von Weitem. Voll Mitgefühl lief er ihm entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn.
21 ‚Mein Vater‘, bekannte der Sohn, ‚ich bin schuldig geworden an Gott und an dir. Sieh mich nicht länger als deinen Sohn an, ich bin es nicht mehr wert.‘
22 Sein Vater aber befahl den Knechten: ‚Beeilt euch! Holt das schönste Gewand im Haus und gebt es meinem Sohn. Steckt ihm einen Ring an den Finger und bringt ihm Sandalen!
23 Schlachtet das Kalb, das wir gemästet haben! Wir wollen ein Fest feiern und uns freuen! 24 Mein Sohn war tot, jetzt lebt er wieder. Er war verloren, jetzt hat er zurückgefunden.‘ Und sie begannen ein fröhliches Fest zu feiern.
25 Inzwischen kam der ältere Sohn nach Hause. Er hatte auf dem Feld gearbeitet und hörte schon von Weitem die Tanzmusik.
26 Erstaunt fragte er einen Knecht: ‚Was wird denn hier gefeiert?‘
27 ‚Dein Bruder ist wieder da,‘ antwortete er ihm. ‚Dein Vater hat sich darüber so gefreut, dass er das Mastkalb schlachten ließ. Jetzt feiern sie ein großes Fest.‘
28 Der ältere Bruder wurde wütend und wollte nicht ins Haus gehen. Da kam sein Vater zu ihm heraus und bat: ‚Komm und freu dich mit uns!‘
29 Doch er entgegnete ihm: ‚Wie ein Arbeiter habe ich mich all diese Jahre für dich geplagt. Nie habe ich dein Gebot übertreten. Aber nie hast du mir auch nur eine junge Ziege gegeben, damit ich mit meinen Freunden hätte richtig feiern können.
30 Und jetzt kommt der da zurück, dein Sohn, der dein Geld mit Huren durchgebracht und alles verprasst hat und du lässt sogar das Mastkalb schlachten!‘
31 ‚Mein lieber Sohn‘, redete ihm der Vater gut zu, ‚du bist doch immer bei mir gewesen und alles, was ich habe, gehört auch dir.
32 Darum komm jetzt, wir müssen feiern und uns freuen. Denn er, dein Bruder, war für uns tot, jetzt hat er ein neues Leben begonnen. Er war verloren, jetzt hat er heimgefunden!‘“